Ein Tag ohne mich.

Ein Tag ohne mich. 24 Stunden ohne einen Finger zu rühren und sehen was passiert. Klingt utopisch und nach einer Menge Chaos. Am 8.März 2017 ist nicht nur Frauentag sondern auch der Tag an dem Frauen für ihre Rechte und für ihre Leistungen einstehen. „Der internationale Frauen*kampftag“ wird vom feministischen Netzwerk unterstützt und veranstaltet und ruft Frauen dazu auf ihre Arbeit niederzulegen und zu beobachten, was ohne unsere Care-Arbeit, unermüdlichen Einsatz und tägliche Arbeit passiert. Hier ist mein Beitrag.

Mittwoch 8. März 2017 ein normaler Tag mit mir.

6.20 Uhr der Wecker klingelt

6.40 Uhr Kinder wecken, Frühstück vorbereiten, Schulbrot schmieren

7.10 Uhr anziehen, waschen, Schultasche mit einem Blick kontrollieren

7.30 Uhr unsere Physiotherapeutin kommt um mit der Elfe zu trainieren

8.20 Uhr Sachen packen für die Kita und ein Joghurt für die Elfe

8.40 Uhr Abfahrt zur Kita, dort kurzes Gespräch mit Erziehern und Heilpädagogen

9.10 Uhr Ankunft zuhause, Waschmaschine und Trockner piepen fröhlich

9.30 Uhr bis 12.00 Uhr Haushalt, Wäsche, Telefongespräche mit Krankenkasse, Ärzten und  Maklern, nebenbei eine Tasse Kaffee und die Hoffnungen, das auf dem Handy keine Nummer von der Schule oder Kita aufblinkt.

12.30 Uhr Hunger, verrückte Sachen auch Mütter haben sowas und Durst aber den kann man gut vergessen

13.30 Uhr Telefonat mit dem Helios Klinikum und Absprache der anstehenden OP

14.30 Uhr Sachen packen, Buggy ins Auto, Trinken für die Kinder nicht vergessen

15.00 Uhr mit 2 Kindern auf zur Musikschule, während der Bär Klavier spielt, jage ich mit Elfe durch den Supermarkt um dem Verhungern entgegen zuwirken.

16.15 Uhr Ankunft im trauten Heim mit piepender Begrüßung vom Trockner

16.50 Uhr die Elfe muss noch ihre tägliche Trainingseinheit auf dem Galileo machen, der Bär muss theoretisch noch aufräumen und lesen üben, ich habe immer noch Durst

17.45 Uhr Geschwisterstreit, irgendwas ist ja immer

18.30 Uhr Abendbrot und der tägliche Anruf im Büro „Wann kommst du?“

19.20 Uhr Lesezeit

20.00 Uhr Elfe und Bär haben sie in das Land der Träume verabschiedet

ab 20.05 Uhr Küche aufräumen, Wäsche zusammenlegen, Chaos beseitigen

Ein ganz normaler Mittwoch. Ohne Zwischenfälle. Nicht wie letzte Woche mit Besuch in der Notaufnahme, oder die Woche davor mit Migräne. Oder, oder, oder.

Und jetzt verabschiede ich mich. Tschüss Mittwoch. Ihr schafft es doch alleine, oder nicht?

Ich bin ehrlich es funktioniert nicht. Es liegt nicht daran, dass mein Mann es nicht schaffen würde oder könnte. Es liegt an den Umständen. Wir sind ein Team. Jede Entscheidung über uns und für uns treffen wir gemeinsam. Als wir die Diagnose unserer Tochter erhielten war sofort klar sie steht ab jetzt im Fokus. Gemeinsam haben wir entschieden, das ich die Care-Arbeit mache, das Therapien und Ärzte mein Fachbereich sind. Ich bin die Expertin für Anträge, Rezepte, Physio- und Logopädie, für Terminorganisation und Absprachen. Das ist ok. Ich will mir gar nicht vorstellen, wie der Stress hier ausbricht wenn ich nicht da bin. Meinem Mann ist bewusst, dass er nur so arbeiten kann und Karrieren macht weil ich da bin und ihm den Rücken freihalte. Gleichzeitig weiß ich auch, dass ohne seine Arbeit und Karriere vieles nicht möglich wäre. Ein Auto, das meinem Rücken nicht noch mehr Probleme macht, Therapiemittel, mit nicht geringem Eigenanteil, ein Studium von zuhause. Es ist ein Zusammenspiel aus Verständnis, in die gleiche Richtung blicken und Probleme gemeinsam tragen. Einfach ist es nicht, aber auch nicht unmöglich. Meine Familie schätzt mich und meine Leistungen, weiß was ich hier jeden Tag auf die Beine stelle und welches Pensum am Ende des Tages hinter mir liegt. Es ist ganz einfach, wenn ich nicht da bin gibt es weder Therapien, Musikschule, einen Zuhörer nach der Schule ect. Aber ich bin da, ich werde immer da sein. Ich möchte aber auch geschätzt werden. Sätze wie „Na du hast es ja gut! Den ganzen Tag frei!“ schmiert sie euch in die Haare, „Ihr seid wohl reich, dass du nicht arbeiten gehst.“ verschluck dich dran. Kommt her kämpft mir der Krankenkasse um Hilfsmittel, versucht ein 16kg Kind umherzutragen ohne Schmerzen im Rücken, werdet 2 Kindern gerecht ohne euch zuvergessen.

Ich wünsche mir von der Gesellschaft Respekt und Anerkennung für Menschen die Angehörige, egal welchen Alters pflegen, für die Liebe und Hilfe eine Selbstverständlichkeit ist. Ich wünsche mir weniger Kommentare und mehr Schulterklopfen. Ich wünsche mir, dass Arbeit, egal wieviel sie aufs Konto bringt, mit Wertschätzung belohnt wird und wir Eltern uns nicht mehr miteinander vergleichen. Ich wünsche mir glückliche Gesichter und lautes Lachen, Verständnis für müde Augen und schwache Nerven. Mehr wir und weniger Ich, mehr zusammen und weniger allein, mehr Hand in Hand und nicht nebeneinander her.

Die Situation bei uns ist keine Selbstverständlichkeit, dass ist mir durchaus klar. Ich möchte an diesem Tag den Frauen meinen absolut tiefste Verneigung zeigen, die ihre Sorgen, Ängste, Pläne nicht teilen können. Ihr seid der Wahnsinn! Ihr habt mehr als meinen Respekt. Ihr habt meine Liebe, mein Verständnis, meine Bewunderung. Auf euch!

Was ich an einem Tag ohne Mann und Kinder machen würde? Kaffee trinken, ein Buch lesen, in Ruhe telefonieren, spazieren gehen. Aber das wäre irgendwie alles nur halb so schön, denn an einem Tag ohne meine Familie würde ich sie jede Sekunde vermissen.

3 Kommentare zu „Ein Tag ohne mich.

      1. Danke für ihre antwort.Ich werde seit jahren diskiminisiert. das geht soweit das ich nur von 190€ Monatlich übeleben muss,integration ect. Alles nur eine Lüge.Obwohl ich eine abgeschlossene Ausbildung besitzte. Bekomme ich im März 2017 einen 1 € Job angeboten, obwohl ich einen 450 € job bräuchte, was hier abgeht ist nicht zu fassen an diskiminisierung ich würde eher sagen Mafia ähnlichen strukturen gegen mich. Ausbeutung unterdrückung ect. Hilfe vergebens. Dies geht jetzt schon 11 jahren lang so.Und dan lese ich das,
        http://www.netzwerkinklusion.de/inklujobs-das-projekt/ komischer Weise sagt mir keiner etwas davon, aber was nützt mir das,wen ich noch nicht mal weiß wie ich eine Bewerbung schreiben soll per mail ect.Es ist ein Wahnsinn den die behinderten Stelle ist gestrichen worden auf dem Arbeitsamt. Und ich drehe mich hier nur im Kreis 😦

        Liken

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