Nichts besonderes.

Oft höre ich Eltern von behinderten Kindern von ihrem „besonderen“ Kind reden. Nicht behindert, nein besonders. Ich lese die Geschichte über eine geplante Reise nach Italien, die dann in Holland endet als Symbol für das Leben mit einem „besonderen“ Kind. Mein Gefühl sagt mir, ich bin weder in Italien noch in Holland. Am liebsten sind wir auf Reisen. Mir ist klar, dass jeder auf seine eigene Art und Weise mit diesem Thema umgeht. Aber wieso beherrscht die Angst vor dem Begriff unsere Worte und Gedanken?

Ich erinnere mich noch sehr gut an den Moment als ich den Schwerbehindertenausweis der Elfe das erste Mal in der Hand hielt. 100, B, H, AG. Das heißt der Grad ihrer Behinderung liegt bei 100 (volle Punktzahl), sie ist auf eine Begleitperson angewiesen, ist hilflos und hat eine außergewöhnliche Gehbehinderung. Die erste Stunde mit dem Ausweis hab ich nur geweint. Sie ist klein und zart und doch wirklich nicht so behindert. So klang es in meinem Kopf und manchmal klingt es heute noch so. Aber es ändert nichts an der Tatsache. Die Elfe ist behindert. Ihr fehlt ein Stück Gehirn, sie kann nicht laufen oder sitzen und braucht permanent Hilfe in allen Alltagsdingen. Sie ist behindert. Natürlich ist sie trotzdem etwas besonderes. So wie jedes Kind für jede Mutter etwas besonderes ist. Nicht wegen ihrer Behinderung, sondern wegen den Dingen die sie trotz der Behinderung macht. Es ändert aber nichts an der Tatsache.

Noch verwirrender finde ich erwachsene, theoretisch kompetente Menschen, die den Begriff „behindert“ nicht verwenden können. Eine Ärztin sprach mit mir über Rehakliniken und Schule für „solche Kinder“. „Solche Kinder“? Im Ernst? Mir kommt der kalte Kaffee hoch. Wer in der Pädiatrie arbeitet sollte behindert sagen können ohne Zucken im Auge. Was für mich aber noch viel wichtiger ist: er sollte behinderte Menschen nicht über einen Kamm scheren. Nicht pauschal jedes Kind mit Behinderung in eine Förderschule stecken, sondern die einzelnen Kompetenzen sehen und fördern. Willkommen im Jahr 2017, willkommen Inkusion! möchte ich ihnen entgegen schreien.

Ich habe lange darüber nachgedacht warum „behindert“ so abschreckend ist. Die meisten verbinden mit ihm ein Leben, das sie nicht führen wollen. Etwas, das nur anderen passiert. Situationen mit denen sich niemand freiwillig auseinandersetzen möchte. Vielleicht auch der Abschied von dem Leben, das man geplant hatte. Aber für mich ist behindert nicht mehr als eine Eigenschaft. Rote Haare, blaue Augen, große Füße. Es ist etwas, das zur Elfe gehört. Ich kann es nicht verstecken oder ändern. Es wird nicht verschwunden sein an einem sonnigen Morgen. Es ist da. Immer.

Ich möchte nicht, dass mein Kind als besonders bezeichnet wird weil sie behindert ist. Sie muss nicht besonders sein. Für mich ist sie perfekt so wie sie ist mit all ihren kleinen Besonderheiten. Behindert ist sie trotzdem aber das ist wie ihre wilden Locken etwas mit dem wir täglich kämpfen aber womit wir gut klar kommen.