Talk to me, Baby.

 

Als die Elfe noch ein kleines Baby war, schaute ich sie oft an und malte mir aus wie sie das erste Mal spricht. Mama, Papa, Bärchen, Oma… diese Wörter schwirrten durch meinen Kopf. Wie wohl ihre Stimme klingt? Hell? Manchmal rau? Vielleicht ist sie ein Sprachgenie oder ein Stimmenimitator. Alle Eltern werden diese Sehnsucht und Gedanken verstehen.

Die Gehirnfehlbildung betrifft nicht das Sprachzentrum. Ok, dann ist ja alles gut. Oder auch nicht. Motorik ist mehr als Laufen. Motorik ist Bewegung im ganzen Körper. Laufen, sitzen, springen aber auch schlucken, kauen und sprechen. Ohne Motorik keine Zungenbewegung, ohne das keine Silben, keine Worte. Sie kann nicht sprechen. Laute, Geräusche, Zustimmung, Lachen, Glucksen, Nölen. So viel kommt aus diesem kleinen perfekten Mund. Die geschwungenen Lippen formen Musik in meinen Ohren aber für Aussenstehende klingt es wohl eher nach Kauderweltsch. Wir brauchen keine Worte um zu verstehen was die Elfe von uns möchte. Mimik, Gestik und manchmal ein bisschen Gedankenübertragung sind unsere Kommunikation. Zeichensprache, die wir selber entwickelt haben, erleichtert unseren Alltag. Arm hoch „ja“, Arm runter „nein“, Faust zum Mund „trinken“, Faust zum Bauch „Hunger“, der Kopf auf die Hand gelegt „schlafen“. Kleine Zeichen. Feinheiten. Wir sprechen.

Aber das reicht nicht. Reicht nicht um Gedanken, Gefühle und Pläne zu erklären. Es reicht nicht um Glück und Wut in Worte zufassen. Es wird nicht reichen um ein Schulkind zu sein, um ihre ganzes Verständnis für die Welt zu zeigen.

Recherche. Kontakte. Probieren. Rezepte. Anträge. Widersprüche. Erklärungen. Genehmigung.
Jetzt ist er hier. Ein Talker. Ein Accent 500. Klein wie ein Tablet, mit Augensteuerung und vielen Bildern. Viel Technik und noch viel mehr Neues für die Elfe und uns. Ich hatte Zweifel. Wird sie es verstehen? Wird sie es wollen? Werde ich eine Computerstimme als ihre akzeptieren können? Werden ihre Gedanken endlich laut werden?

„Schau Kleines, wenn du mit den Augen darauf klickst dann kommen die Worte?“ erklärt der Techniker und nickt mir zuversichtlich zu. Ich bin skeptisch aber die Elfe strahlt, hört aufmerksam zu und probiert vorsichtig. Kurz muss ich raus gehen. Durchatmen und ruhig bleiben. Dann höre ich es. „Hallo“. Eine Mädchenstimme. Sanft und leise. „Hallo“. Nochmal. „Das machst du super. Hier sind Sätze…“ er erklärt ihr mehr und mehr und ich stehe im Türrahmen und beobachte. Sie lacht laut auf und ihre Begeisterung erfüllt den Raum. „Mama, bitte eine Schorle Apfel.“. Ich stehe da wie unter Schock. Mama. Da war es. 5,5 Jahre hat es gedauert. Ihr Kopf fliegt zur Seite und sie schaut mir in die Augen. Sie strahlt, lacht und kichert. „Mama, bitte eine Schorle Apfel.“ sie kichert immer lauter und noch nie habe ich so schnell eine Schorle mit Apfel gemacht.

Das ist jetzt 4 Monate her. Der Talker ist ein fester Bestandteil des Kitaalltags. Morgenkreis, Vorschule und Therapie. Sie übt und spricht unermüdlich. Sie spielt Übungen und steuert Feuerwehrschläuche mit ihren Augen. Hochkonzentriert bis ihre Augen brennen. Die Bilder kann sie auswendig und ist genervt weil sie nicht mehr reichen. Die Elfe öffnet Buchstaben und Zahlen. Schaut mich an und ich sehe ihren genervten Blick. „Ja, ich weiß aber lesen und schreiben muss man üben.“ Ich höre ihre Gedanken „Ich will es können! Jetzt! Ich will alles sagen! Jetzt!“ Dieses kleine Mädchen ist ungeduldig mit sich und der Welt aber auch stur und fleißig. Es wird. Nicht mehr lange, dann wirst du alles sagen können. Jedes Wort, jeden Gedanken in Worte fassen, jedes Gefühl beschreiben und diskutieren. Bald. Sehr bald.

10 Kommentare zu „Talk to me, Baby.

  1. Meine Tränen fließen auch. Sooooo schön. Und ich kann es sehr gut nachvollziehen. Unser jüngstes Kind sitzt auch im Rolli und ist etwas ganz besonderes. Diese kleinen alltäglichen Dinge, werden zu kleinen und großen Wundern. Ich wünsche euch weiterhin alles Liebe.

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  2. Du hast eine wunderbare Art zu Schreiben. Eure Erzählungen sind außerdem stets wie ein Blick in unsere mögliche Zukunft für mich. Drei Jahre seid ihr uns voraus und die Geschichten der beiden jungen Damen sind sich sehr, sehr ähnlich. Wenn unsere „Maus“ die Entwicklung Eurer „Elfe“ nimmt, sind wir zufrieden. Mach(t) weiter so!

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  3. Das Buch “ Mit Worten kann ich fliegen“ von Sharon M. Draper ist ein sehr schönes Buch zu dieser Thematik, das mich damals sehr nachdenklich gemacht hat, wie wertvoll Kommunikation doch ist.

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