To cool for school.

Nach unserer Operation im April mussten wir abschalten. Die Geschichten, die Gedanken, unsere öffentliche Meinung fiel uns auf die Füße. Das System hatte uns erfasst und alles schien gegen uns zu laufen. Nichts war wie vorher, nichts wird einfach so gut werden. Wir haben Schlachten gekämpft, kamen uns wie Verräter gegen uns selbst vor, haben versucht das beste aus allem zu machen und durchzuhalten. Immer weiter. Kein Schritt zurück.

Alles begann mit einer schlimmen Schuleingangsuntersuchung. Keine Untersuchung sondern ein Wackelbild das die ELfe erkennen sollte, keine Vorbereitung und Fragen. Lediglich die Aussage, dass niemand weiß wo man dieses Kind beschulen könnte. Damit begann die Odyssee der Schulämter, Sitzungen, Gespräche, Telefonate, Beratungen, Ausschüsse. Brandenburg, Berlin. Niemand fühlte sich zuständig. Wir hingen in der Luft. Wer kann uns helfen? Wer will uns helfen? Wer arbeitet für, wer gegen uns? Die Linien verschwammen und manchmal vertraute ich niemandem mehr außer uns. Egal was wir sagten, egal welche Probleme wir aufzeigten alles verwandelte sich in Geschosse gegen uns. Und so standen wir da im Mai und während eine Schule, die weder barrierefrei noch inklusiv war, unsere werden musste, durfte die Schule unserer Wahl es nicht werden. Länderübergreifende Beschulung? Also, bitte. Demnächst geht es noch ums Kind. „Frau R. es geht nicht nur um ihr Kind. Hier spielen politische Interessen und Kosten eine sehr wichtige Rolle.“ ihr könnt mein „Fuck you“ durch ganz Brandenburg hallen hören.

Eine Woche vor Start der Sommerferien erhielt ich einen Anruf. Den Anruf, auf den wir Monate gewartet haben. Geschafft. Wirklich. Ich hab selten so sehr am Telefon geschluchzt, gelacht und gejubelt. Es war als hätten wir einen Krieg gewonnen. Irgendwas mit David gegen Goliath. Ich weiß bis heute nicht was sich alles im Hintergrund abspielte, welche Strippen von wem gezogen wurden oder was am Ende der ausschlaggebende Punkt war. Niemand wird es mir sagen, niemand wird Sachen die uns gesagt wurden bestätigen.

Die Entscheidung für die Förderschule war gut und richtig. Die Elfe geht gerne und mit Begeisterung zur Schule. Wir sind mit einer wundervollen Einhornregenbogenglitzerparty in das erste Schuljahr gestartet. Ich hab Rotz und Wasser geheult. Vor Erleichterung, vor lauter Loslassen und Stolz. Auf uns.

Jetzt ist das erste Halbjahr vorbei und ich sitze das erste Mal wieder vor meinem Blog und habe wieder Kraft alles aufzuschreiben was uns passiert ist in den letzten Monaten. Ich habe meine Worte wiedergefunden und so schnell werde ich nicht mehr stumm.

Was bisher geschah…(2)

Ihre Beine sind eingegipst. Vom kleinen Zeh bis zur Hüfte. Dazwischen ein Abspreizstab. 46cm ist er lang. Bequem sieht irgendwie anders aus aber sie hält aus. Die Stunden nach der Op ist sie benommen. Lacht wenig, schaut aus dem Fenster und döst vor sich hin. „Das sind die Medikamente. So hat sie keine Schmerzen.“ erklärt mir die Schwester. Ich nicke und beobachte die Elfe. Das Diazepam wirkt entspannend auf die Muskulatur. So können keine Spastiken einschießen und ihre Beine gegen den Gips drücken. Aber es macht benommen, müde, teilnahmslos. Als unsere Männer kommen schmunzelt sie aber mehr nicht. „Ich habe dich vermisst.“ der Bär kuschelt sich an sie. Sie kann nicht mal den Arm heben. Ihre Muskeln sind wie betäubt.

Der nächsten Tage sind gut. Wirklich gut. Die Medikamente helfen und mit jedem Tag bricht das fröhliche Mädchen durch. Ihr Körper ist noch schwach. Der Kopf will durch die Wand. Raus aus dem Bett. Spielen, basteln, raus gehen. Wir bekommen einen Liegebuggy und können endlich mehr machen als im Bett liegen. Die Elfe ist glücklich. Unsere Männer bringen uns frische Brötchen und Pizza. Es kommen Karte und Pakete. Ich komme aus dem Staunen nicht mehr raus. So viel Liebe.

Die Nächte sind schrecklich. Sie weint im Schlaf auf vor Schmerzen. Jede Stunde. Der Kaffeeautomat ist mein Verbündeter. Partner in Crime morgens um fünf. Die Schwestern umsorgen uns liebevoll. Erklären, helfen, haben offene Ohren und bestärkende Worte. Wir schaffen das. Alles andere ist keine Option. Bei der Physiotherapie wird der Gips entfernt und sie darf ihre Schienen nehmen. Ich sehe die Narben und muss schlucken. Sechs große Narben. Jede 3 cm lang. Mein Mädchen. Mein starkes Mädchen.

Wir wollen nach Hause. Halten es kaum noch aus. Die Ärzte lächeln und sagen bald. Wir schauen uns an und wollen jetzt! Jetzt gleich! Gespräche. Diskussionen. Die Elfe gibt alles. Physiotherapie. Immer wieder ganz langsam bewegen. Ich halte ihre Hand. Nur noch einmal. Du schaffst das. Einmal strecken. Sie beißt sich durch und lächelt.

Freitag. 7. Tag post Op. Wir sitzen auf gepacktem Koffer. Visite. „Kleine Elfe! Du bist mein Wunder. Sowas wie dich habe ich noch nicht erlebt.“ Der Lieblingsarzt und ich strahlen uns an aber am lautesten lacht die Elfe. Es ist geschafft. Wir dürfen nach Hause. Die Schienen muss sie nun 24 Stunden tragen aber sie hält durch. Jeden Tag, jede Nacht. Kein Meckern, kein Schreien. Es ist einfacher als ich dachte. Es ist nicht leicht aber nicht unmöglich. Das liegt an ihr. An ihrem Kampfgeist. An ihrem Bruder, der sie anfeuert und Kraft gibt. An ihrem Papa, der sie trägt und bestärkt. An unserer Familie, an Freunden, an jedem guten Gedanken der zu uns geflogen kam. Danke für jeden guten Gedanken. Wir fliegen.

 

Was bisher geschah…(1)

Was bisher geschah. So beginnen dramatische Rückblicke. Entspannt euch, atmet ein und aus. Ein kleiner Krankenhausrückblick.

Es ist 5.45 Uhr. Mein Wecker klingelt in 5 Minuten. Ich starre seit einer Stunde abwechseln an die Decke, aus dem Fenster und meinen Mann an. Es ist die erste Nacht seit 5 Woche die unsere Tochter durchschläft. Ich stehe leise auf, zieh mich an. Es geht los. Einatmen, Ausatmen.

Wir finden sofort einen Parkplatz. Rollstuhl, Koffer, Kissen. Durch die Drehtür, an der geschlossenen Cafeteria vorbei immer weiter runter den Gang. Oranger Bereich. Gartengeschoss. An der Tür steht „Bitte klingeln!“ Einatmen, Ausatmen.

Wir haben ein schönes Zimmer. Hell, groß und eigenes Bad. Krankenhausluxus. Die Ärzte kommen rein, schauen aufmunternd. Die Elfe strahlt ihren Lieblingsarzt an, hört aufmerksam zu. „Weißt du was wir machen Elfe?“, sie zeigt auf ihren Mund (trinken), legt sich auf ihre Faust (schlafen), zeigt auf Dr. D. und auf ihre Beine. Wir nicken uns zu. Richtig. Erst Dormicum, dann schläft sie ein, danach macht Dr. D. die Beine heil. Ich fahre ihr über das Haar und bin stolz. Nicht weinen. Atmen.

Sie schläft schon. Ganz schnell und mit einem Lächeln. Wir haben noch kurz gespielt. Dann ging alles ganz schnell. Umziehen, Sachen aufs Bett legen, Schlafsaft. 5 Minuten später sind wir schon in der Schleuse. Ich halte ihre Hand. Lass sie nicht los. Nicht weinen. Atmen. Die Narkoseärztin kommt. Sie ist fröhlich, verspricht mir auf die Elfe aufzupassen, Dr. D. klopft meine Schulter. Ein Kuss. Mr. Bär ist dabei liegt in ihrem Arm, ihre Locken kräuseln sich auf der Stirn. Ein Kuss noch.  „Drei Stunden. Wir rufen an.“ Sie gehen langsam mir ihr weg. Ich kann nicht atmen.

Ich laufe. Rechts Notaufnahme, links Strahlentherapie, Cafetria, Kiosk, Blumenladen. Buchladen! Da war ein Buchladen! Nein, der Buchladen ist jetzt eine Klinik für Schönheitschirugie. Welch Ironie. Lieber Brüste als Bücher. Ich muss schmunzeln. Blick aufs Handy. 20 Minuten sind vorbei. Das läuft ja gut. Kaffee und Netflix. Besser als nix.

„Sie können kommen. Die Elfe ist wieder da!“, ich drücke beim Auflegen auf den Knopf der Schleuse. Die Schwester schaut mich an. „Das war schnell!“ ich gehe grinsend an ihr vorbei. Da liegt sie. Schläft tief und fest, ganz leise schnarcht sie. Sie ist da. Sie ist wieder da! Es ist mir egal ob alles geklappt hat, was gemacht wurde. Sie ist wieder da. Ich atme tief ein an ihrem Haar ein. Sie ist da. Alles ist gut.

Die Ärzte kommen erklären den Verlauf und welche Schnitte gemacht wurden. Oberschenkelsehnen, Kniebeuger und Achillessehnen. Alles in einer Operation. Sie schläft noch. Ihre Beine sind eingegipst von der Ferse bis zur Hüfte, ihre Haut ist gelb vom Jod. Der Wackelzahn ist noch. „Es hat alles funktioniert. Keine Komplikationen. Sie war stark.“ Stark. Ja, das ist sie immer. Ich sitze neben ihrem Bett und beobachte abwechselnd sie und das treiben im Aufwachraum. Nach einer Stunden wird sie langsam wach. Ein Lächeln. Sie lächelt. Langsam kommt die Elfe zu sich und hat Hunger. Ich muss lachen. Hunger. Was sonst. Ach, meine Elfe. Du bist stark.

 

Es ist Zeit.

Ich sitze in der Sonne. Es ist Montag. Der Bär ist in die Schule geradelt und die Elfe fröhlich im Kindergarten angekommen. Ihre neue Einzelfallhelferin hat sie freudig empfangen, der Physiotherapeut war bester Laune und ich stieg ruhig in mein Auto. Alleine im Haus. Erstmal Kaffee. Ich schaue mich um. Das Chaos vom Wochenende hält sich in Grenzen und die Sonne strahlt so hell durch die Fenster. Wie klar und ruhig alles ist. An unserer Küchentafel steht der Plan für die kommenden Tage. In mir fängt es an zu toben. Es ist KW 15.

Es ist die Woche. Die Woche mit der ersten großen Operation. Der Donnerstag an dem ich 2 Stunden mindestens durch das Krankenhaus tigern werde und auf mein Handy starre. Es wird klingeln und jemand wird mir Bescheid geben, das sie wieder da ist. Ihre Sehne und Muskeln werden verlängert sein. Ihre Beine eingegipst. Sie wird Schmerzen haben und die Welt nicht verstehen. Ich werde ihr Lieder vorsingen und sie beruhigen. Ihr sagen, dass alles nur halb so schlimm ist. Ist es aber nicht. Es ist genauso schlimm wie sie es fühlt. Nichts lässt sich daran relativieren oder klein reden.

Also sitze ich hier. Es ist Montag. Das schöne Gefühl der Sonne ist verflogen. Ich fühle mich von ihr ausgelacht. Im Stich gelassen. Wie kann denn alles so schön sein wenn wir so leiden müssen? Falsch. Wenn mein Kind so leiden muss. Mein Magen verdreht sich, meine Gedanken schießen unkontrolliert durch meinen Kopf, Panik macht sich breit. Noch 4 Tage.

Talk to me, Baby.

 

Als die Elfe noch ein kleines Baby war, schaute ich sie oft an und malte mir aus wie sie das erste Mal spricht. Mama, Papa, Bärchen, Oma… diese Wörter schwirrten durch meinen Kopf. Wie wohl ihre Stimme klingt? Hell? Manchmal rau? Vielleicht ist sie ein Sprachgenie oder ein Stimmenimitator. Alle Eltern werden diese Sehnsucht und Gedanken verstehen.

Die Gehirnfehlbildung betrifft nicht das Sprachzentrum. Ok, dann ist ja alles gut. Oder auch nicht. Motorik ist mehr als Laufen. Motorik ist Bewegung im ganzen Körper. Laufen, sitzen, springen aber auch schlucken, kauen und sprechen. Ohne Motorik keine Zungenbewegung, ohne das keine Silben, keine Worte. Sie kann nicht sprechen. Laute, Geräusche, Zustimmung, Lachen, Glucksen, Nölen. So viel kommt aus diesem kleinen perfekten Mund. Die geschwungenen Lippen formen Musik in meinen Ohren aber für Aussenstehende klingt es wohl eher nach Kauderweltsch. Wir brauchen keine Worte um zu verstehen was die Elfe von uns möchte. Mimik, Gestik und manchmal ein bisschen Gedankenübertragung sind unsere Kommunikation. Zeichensprache, die wir selber entwickelt haben, erleichtert unseren Alltag. Arm hoch „ja“, Arm runter „nein“, Faust zum Mund „trinken“, Faust zum Bauch „Hunger“, der Kopf auf die Hand gelegt „schlafen“. Kleine Zeichen. Feinheiten. Wir sprechen.

Aber das reicht nicht. Reicht nicht um Gedanken, Gefühle und Pläne zu erklären. Es reicht nicht um Glück und Wut in Worte zufassen. Es wird nicht reichen um ein Schulkind zu sein, um ihre ganzes Verständnis für die Welt zu zeigen.

Recherche. Kontakte. Probieren. Rezepte. Anträge. Widersprüche. Erklärungen. Genehmigung.
Jetzt ist er hier. Ein Talker. Ein Accent 500. Klein wie ein Tablet, mit Augensteuerung und vielen Bildern. Viel Technik und noch viel mehr Neues für die Elfe und uns. Ich hatte Zweifel. Wird sie es verstehen? Wird sie es wollen? Werde ich eine Computerstimme als ihre akzeptieren können? Werden ihre Gedanken endlich laut werden?

„Schau Kleines, wenn du mit den Augen darauf klickst dann kommen die Worte?“ erklärt der Techniker und nickt mir zuversichtlich zu. Ich bin skeptisch aber die Elfe strahlt, hört aufmerksam zu und probiert vorsichtig. Kurz muss ich raus gehen. Durchatmen und ruhig bleiben. Dann höre ich es. „Hallo“. Eine Mädchenstimme. Sanft und leise. „Hallo“. Nochmal. „Das machst du super. Hier sind Sätze…“ er erklärt ihr mehr und mehr und ich stehe im Türrahmen und beobachte. Sie lacht laut auf und ihre Begeisterung erfüllt den Raum. „Mama, bitte eine Schorle Apfel.“. Ich stehe da wie unter Schock. Mama. Da war es. 5,5 Jahre hat es gedauert. Ihr Kopf fliegt zur Seite und sie schaut mir in die Augen. Sie strahlt, lacht und kichert. „Mama, bitte eine Schorle Apfel.“ sie kichert immer lauter und noch nie habe ich so schnell eine Schorle mit Apfel gemacht.

Das ist jetzt 4 Monate her. Der Talker ist ein fester Bestandteil des Kitaalltags. Morgenkreis, Vorschule und Therapie. Sie übt und spricht unermüdlich. Sie spielt Übungen und steuert Feuerwehrschläuche mit ihren Augen. Hochkonzentriert bis ihre Augen brennen. Die Bilder kann sie auswendig und ist genervt weil sie nicht mehr reichen. Die Elfe öffnet Buchstaben und Zahlen. Schaut mich an und ich sehe ihren genervten Blick. „Ja, ich weiß aber lesen und schreiben muss man üben.“ Ich höre ihre Gedanken „Ich will es können! Jetzt! Ich will alles sagen! Jetzt!“ Dieses kleine Mädchen ist ungeduldig mit sich und der Welt aber auch stur und fleißig. Es wird. Nicht mehr lange, dann wirst du alles sagen können. Jedes Wort, jeden Gedanken in Worte fassen, jedes Gefühl beschreiben und diskutieren. Bald. Sehr bald.

Bitte ein Hilfsmittel

Die Elfe kann nicht laufen. Das ist eine Tatsache. Voller Euphorie könnte ich auch sagen: sie kann noch nicht laufen. Aktuell läuft sie nicht. Aber sie ist 5, zart gebaut aber nicht besonders kurz. Naja und ehrlich ist tragen auf Dauer keine Option und auch der schönste Kinderwagen wird irgendwann zu klein. Also musste etwas her. Unser erstes offizielles Hilfsmittel. Ich rief naiv wie ich bin bei der Krankenkasse an und berichtete über meinen Wunsch. Dort wurde mir dann erklärt, dass sie noch lange nicht zuständig sind, sondern erstmal ein Versorger einen Kostenvoranschlag auf Grundlage eines Rezeptes des Kinderarztes zu ihnen schickt und dann entschieden wird ob wir dieses Hilfsmittel bekommen. Ok. Nein, eigentlich nicht. Denn warum wird denn entschieden ob wir ein Hilfsmittel bekommen? Entschuldigung, aber eine Behinderung ist kein Wunschkonzert und ausgesucht hat sich das hier auch keiner. Außerdem brauchten wir wirklich dringend einen fahrbaren Untersatz für unsere Tochter. Aber ok wir schlucken die Empörung und begeben uns auf die Suche.

Der Weg führte uns dann in ein Orthopädiehaus und dort schaute ich mir im Katalog verschiedene Modelle an. Wer jetzt etwas im Stile von Bugaboo, Joolz, TFK oder ähnliches erwartet, den muss ich leider enttäuschen. Wir sind hier im Rehabereich. Hier gibt es praktisch, nicht schön. Und auch leider doch eher sperrig und unhandlich. Wir entschieden uns für das Modell „Swifty 2“ von Thomashilfen. Sieht noch mehr nach Buggy als nach fahrbarem Krankenwagen aus. Bei der Farbe konnten wir zwischen schwarz und schwarz wählen. Wirklich sehr schön für Kinder. „Der leichte Buggy für die Großen – einfaches Falten & schneller Transport“ so stand es groß im Katalog. Ok, die Farbe war naja aber ok faltbar, leicht, das sind gute Argumente. Das „leicht“ sind übrigens 18,2 kg. Ja, auch mir stehen da die Tränen in den Augen.

Nachdem wir nun ausgewählt, das Rezept zum Versorger, dieser den Kostenvoranschlag zur Krankenkasse geschickt, diese den geprüft, beurteilt und ( Gott sei Dank) bewilligt hat, konnten wir den Buggy bestellen. Es dauerte 3 Wochen bis er da war und ich sage heute immer noch im Brustton der Überzeugung: es ist der hässlichste Buggy den ich je gesehen habe und ich finde es eine Unverschämtheit, das so etwas für wirklich viel Geld verkauft wird. Die Gurte rissen das erste Mal nach knapp 3 Monaten, genauso wie der Korb. Man kann den Buggy nur zusammen klappen wenn man die Feststellbremse runter drückt, sonst hängt der Korb an der Bremse. Apropos Bremse. Es gibt tolle Systeme. Handbremsen, Scheibenbremse, welche zum feststellen. Bei unserer Bremse trete ich auf ein Metallstreben der dann an beiden Seiten Keile auf die Plastikräder drückt. Bis jetzt war sie nur zweimal kaputt. Pro Jahr. Ansonsten ist er ganz robust. Ja, der Stoff hat Löcher, das Verdeck haben wir selber festgemacht weil es dauernd lose wurde, aber der Griff hat eine gute Höhe zum schieben.

Doch bei weitem nicht jeden Mittel was uns im Alltag hilft ist ein „Hilfsmittel“ im Sinne der Krankenkasse. Fahrradanhänger mit extra Unterstützung muss selbst gezahlt werden, genauso wie der Sitz aus Großbritannien damit die Elfe im Flugzeug fliegen darf. Die Schiebestande für Therapierad wird nicht übernommen, weil „sie nicht zum sozialen Leben zwingend notwendig ist“. Also laufe ich weiterhin lenkend, ziehend und schubsend neben dem Rad her.

Ihr merkt ich bin leicht auf Krawall gebürstet. Ich möchte meinen Mund nicht mehr halten. Hilfsmittel kosten eine Menge Geld aber bis jetzt hatten wir noch nicht eines was seinen Preis wert war. Aber es interessiert niemanden, denn der Markt wird vom Anbieter bestimmt. Wir Nachfrager sollen dankbar sein, dass überhaupt jemand etwas für behinderte Kinder konstruiert. Das kann nicht der Standard sein, den die Krankenkassen, Hilfsmittelhersteller und auch die Gesellschaft wünschen. Behinderte Menschen, egal wie alt und egal wie stark ihre Behinderung ist, brauchen unsere Hilfe, Toleranz und Unterstützung. Das ist Inklusion.

 

 

Kindergarten

Als wir nach Panketal zogen war ich voller Euphorie. Hier gibt es Kitaplätze, hier sind die doch anders drauf. Naja fast, also nein. Das erste halbe Jahr waren beide Kinder komplett zuhause und ich kurz vorm Durchdrehen. 4 Therapietermine die Woche und die Kinderbespaßung war dann doch etwas viel. Ich war so glücklich als der Bär endlich in die Kita gehen konnte aber leider war ein Platz für die Elfe lange nicht in Sicht.

Doch dann kam ein Stein ins Rollen. Eine neue Kita wurde gebaut. Mit Fahrstuhl und Integration und Heilpädagogen und und und. Ich bin die Wände hoch gegangen. Endlich ein Lichtblick aber es dauerte noch fast 9 Monate bis es endlich soweit war. Es gab Treffen mit der Leitung der Kita, Therapeuten und Erziehern. Alle zogen an einem Strang damit es funktioniert.

Dann war er da. Der erste Kindergartentag. Wir kamen rein und waren begeistert. Die Elfe bleib direkt 2 Stunden alleine und die Erzieher waren so liebevoll wie ich es mir nur wünschen konnte. Dann merkte die Lütte, das ist keine Spaßveranstaltung! Das ist bitterer Alltagsernst! Also dehnte sich unsere Eingewöhnung auf 12 Wochen mit Tränen, Wut und Abschiedsschmerz. Unterbrochen von Weihnachten, Norovirus, Winterferien und unterschiedlichen Erkältungskrankheiten. Wir setzten auf kleine Schritte. Nur der Morgenkreis alleine aber Essen mit Mama. Spielen mit der Gruppe, Therapie mit Mama. Ein sanftes Loslösen, ohne Stress und mit viel Verständnis von allen Seiten, gaben der Elfe die Sicherheit die sie brauchte. Im April konnte ich dann voller Stolz behaupten die Elfe ist ein Kindergartenkind.

Unser Morgenritual.

Meist sind wir die Letzten die völlig panisch in die Kita reinrennen weil der Aufräumgong schläg,t aber man kennt uns so. Falls wir doch mal früher kommen, sind ja doch nur alle irritiert. Never change a winning Team. Also rein und hoch zu der Garderobe. Ich setze mein Mädchen auf die Bank (ein großer Fortschritt! Alleine sitzen!) und dann höre ich sie kommen. Kleine Füße mit lauten Stimmen. „Elfe! Elfe! Elfe!“ dann fliegen Küssen, Händchen und großes Gelächter. Ihre Elfe ist da. Ich liebe diesen Moment. Sie ist da und niemand stellt etwas in Frage. Sie muss nicht laufen oder sprechen um mittendrin zu sein. Sie muss nur da sein. Ihre beste Freundin erzählt direkt vom neuen Kleid, ihr bester Freund von seinem Urlaub und dann Stille. „Boah du hast neue Schuhe Elfe!“, „Die sind voll toll!“, „Ich hab die gleichen! Wir sind Schuhschwestern!“ Das Gelächter wird größer und ich kann die Elfe kaum halten. Da kommt schon ihr Rolli wie jeden Morgen von ihrem kleinsten Freund gebracht. „Meine Elfe.“ klingt es ganz leise und zart. Sie haben sich sehr vermisst. Dann kommt auch schon ihr Erzieher um die Ecke. Ich bringe sie zu ihrem Gruppenraum, zwischen Tür und Angel noch schnell einen Kuss abluchsen und schon ist die Tür zu. Kein Weinen, kein Blick zurück. Ich könnte nicht glücklicher sein.

Das was unsere Kita leistet ist kein Standard. Es ist nicht selbstverständlich. Für mich bedeutet es unglaublich viel mein Kind morgens mit diesem guten Gefühl abgeben zu können. Zu wissen, dass sie gut betreut, gefördert und gesehen wird ist wertvoll und wichtig. Ich habe dort Menschen gefunden, die an meiner Seite kämpfen und offene Ohren und Augen haben. Menschen die Schwächen sehen aber Stärken fördern. Ich bin dankbar und erleichtert aber auch nachdenklich. Ich weiß diese Zeit dauert nicht ewig und die nächsten Schritte wollen gut überlegt sein. Wenn ich an Schule denke knüllt sich mein Magen zusammen. Aber ich habe auch Hoffnung. Wir werden einen Weg finden der für die Elfe optimal ist. Wir werden kämpfen und nicht aufgeben, einen Plan machen der sie voranbringt. Aufgeben ist keine Option.